Thema: Lerne ein Leben lang
Neues Land - neue Erfahrungen
1) Film Da wurde in der amerikanischen Schule fur alle Schüler der Unterstufe ein Film gezeigt: Santa Claus rast mit seinen Rentieren, anscheinend von einem Raumschiff gesteuert, durch das Universum, erschreckend laut und turbulent und natürlich mit einem unwahrscheinlichen happy end. Meine Hochachtung, die Schulleitung hat doch viel Mut, die Werte, fur die sie steht, auf diese Weise den zu 90 % nichtamerikanischen Schülern und Eltern darzustellen. Mir, der ich ja immer ein pädagogische Nutzanwendung suche, hat sich der Magen umgedreht. Zum Glück wurde fur den Eintrittspreis auch Popcorn und Coca Cola geliefert.
2) Gespräche Unglaublich spannend finde ich die Gespräche mit Julias Mitarbeitern, die z. T. an Stellen waren, deren Namen ich nicht einmal gehoert habe. Viel Trauriges, Empörendes, Witziges, Gefährliches, Wunderliches, beinahe Geschichten aus Tausendundeiner Nacht oder vergleichbar dem Seemannsgarn meines geliebten Odysseus, der seine Leser mit immer kühneren tatsächlichen oder der Phantasie entsprungenen Erlebnissen unterhalten hat. Da bedauere ich, dass ich nicht viel mehr gesehen habe und tröste mich damit, dass es einmal zu "meiner" Zeit einfach noch nicht so üblich war, ich andrerseits am Ende meines Lebens doch noch etwas direkten Anteil nehmen kann.
3) Resignation - stimmt nicht, mein Laptop hat das Wort Remigration automatisch in Resignation verwandelt. Remigr… ist bei ihm nicht vorgesehen. Julia hat fur diese Woche im Namen von IOM 3 Flugzeuge gechartert, die diejenigen nach Juba im Suedsudan zurückfliegen sollen, die die mehrwöchige Reise auf den völlig ueberfuellten Booten nilaufwaerts nicht mehr schaffen. In 3 Nächten nachts um 3 Uhr auf dem Flughafen Khartoum, jeweils ca. 100 Alte und Behinderte mit Hilfspersonal. Sie muss also um 2 aufstehen, und meine bescheidene Aufgabe, wenn die beiden Kinder, die im Laufe der Nacht in ihr Bett gekrabbelt sind, aufwachen, und das tun sie bestimmt, muss ich sie beruhigen und beschäftigen. Ihr stellt euch das leicht vor!? Ihr irrt.
4) Der Wind hat in den letzten Tagen zugenommen und wirbelt mehr Staub und Sand auf. Der knirscht zwar noch nicht zwischen den Zähnen, aber sozusagen in der Nase und im Hals.
5) Wenn ich Isabella von Schule abhole, klemme ich in dem Kleinstwagen wie Fötus im Uterus. Der Fahrer versucht, Bruchteile von Sekunden zu gewinnen, indem er sich an besonders verkehrsreichen Kreuzungen rechts einordnet, um links abzubiegen. Meine kniende Haltung gleicht dann auch der eines Beters, dem sein letztes Stündlein geschlagen hat. Aber M hat einen unbezahlbaren Vorteil, er ist realtiv pünktlich.
6) Rückschlag Weil ihr es seid, möchte ich euch etwas im Vertrauen verraten. Es sind da bei mir gewissen Ermüdungserscheinungen eingetreten. 1) der einfache, oft primitive oder sagen wir, ungewohnte Alltagstil, 2) fühle ich mich zu sehr auf das Haus beschränkt, fast eingeschlossen. Die Umgebung ist so staubig, oft fast widerlich, dass ich nur einkaufen gehe, wobei oft gerade das, was ich suche, gerade nicht vorhanden ist. Die Bewegungsmoeglichkeiten in der Stadt, die ohnehin wenige Attraktionen bietet, sind umständlich und gefährlich, zumal man keine Adresse angeben und den Weg oft selbst beschreiben muss. Für Aufenthalte ausserhalb der Stadt braucht man komplizierte Genehmigungen mit 2 Passfotos. So vertreibe ich mir viel Zeit mit 2 vielfordernden Enkelkindern und Henning Mankell, der ja in Mosambik wohnt, wo es wohl ganz ähnlich aussieht. In " Den Vita Leoninnan" beschreibt er auch ganz aehnliche Zustände in Südafrika. Aber im ganzen gibt es zu wenig Ablenkung, und die Wucht der Realität droht mich zu lähmen und zu erschlagen.
7) Am 29. Januar werde ich mit Turkish Airways ueber Istanbul nach Stockholm zurückfliegen, Khartoum ab 3,20, Arlanda an schon 11,40 Uhr.
Schoenheit
Was ist eigentlich schoen? Gibt es dafür gültige, gar allgemeingueltige Massstaebe? Leider wohl hier auf Erden nicht, vielleicht in Platons Ideenhimmel. Denker und Künstler, auch so gewöhnliche Menschen wie ich, haben sich ihre klugen Köpfe zerbrochen, ohne Erfolg. Schlussfolgerung: Wir finden manches schoen und wissen nicht, warum. Wir koennen es deshalb auch andern nicht erklären. Die lachen uns womöglich aus und halten es fur Geschmacksverirrung. In wenigen Punkten hat sich im Laufe einer oft langen Zeit eine Übereinstimmung herausgebildet: Der Parthenon ist schoen, obwohl eine Ruine, die Mona Lisa ist schoen. Aber ist van Gogh schoener als Dürer, Picasso schoener als Kandinsky? Ist so ein dürres Modemodell schoen? Bin ich schoen? Fangt doch nicht gleich an zu lachen. Man wird ja mal fragen dürfen. Wie auch immer, nicht nur die Psychologie, nicht nur die Astronomie, die Politik, die Boerse stecken voller ungelöster Fragen, sondern auch die Ästhetik. Und das bekümmert mich hier selbst im fernen Afrika, ja besonders hier.
Ich sehe hier so vieles, was mir hässlich vorkommt, eigentlich ein ganzes Meer von Hässlichkeit. Aber ist das Hässliche wirklich hässlich? Schmutz, Unordnung, Armut. Empört sich nur mein Schönheitssinn? Oder ist es mein Gerechtigkeitssinn? Dass ich von Schönheit rede, hängt das nur damit zusammen, dass ich reich und einigermassen gebildet bin? Ist Schönheit nur ein Luxusprodukt, das viele sich einfach nicht leisten koennen, das sie vielleicht nicht einmal vermissen? Ich suche nach Schönheit, ich lechze danach. Ich brauche sie wie Essen und Trinken und Schlaf. Wenn ich hier durch die namenlosen Strassen gehe oder eher stolpere, finde ich sie nicht, oder mit seltenen Ausnahmen, wenn dann zwischen all den halben Ruinen plötzlich ein Bau in Glas und Marmor auftaucht, natürlich auch von einer braunen Schicht Wuestenstaub ueberzogen, mit der riesigen Aufschrift: Beauty. Das wirkt irgendwie deplaziert, nicht als Zierde und Einladung.
Unberührte Natur, die mir fast immer wunderschoen erscheint, die ja vielleicht auch der Urgrund aller Schönheit ist, finde ich weit und breit nicht. Höchstens in ein paar Büchern, die zufällig vorhanden sind. Die Aussenwelt bietet also wenig. Also Rückzug in meine Innenwelt? Herrlich, wenn das so einfach wäre! Aber leider. Da sieht es eher ähnlich ungeordnet und chaotisch aus, nur hin und wieder etwas "Beauty", unbestimmt, wie die in die Umgebung passt. Soll ich sagen, innerlich bin ich noch auf dem Niveau eines Entwicklungslandes? Da irre ich oft in mir selbst herum wie Sokrates, der mit einer Fackel, am helllichten Tag durch Athen gewandert sein soll, um Menschen zu suchen. Schönheit, wo bist du? Wie finde ich dich? Existierst du?
Christoph Khartoum, 22.1.2011
(eingestellt am: 23.01.2012)
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1 Kommentar zum Beitrag
Lieber Silesio,
noch einmal Dank für die so persönlichen Berichte und Einblicke. Ich hoffe, Sie sind gut in Arlanda wieder gelandet. Was haben Sie wohl alles mitgenommen? Was bleibt hängen, was ist (glücklicherweise.?) auch in der fremden Welt geblieben?
Alles Gute beim Wiederankommen im kalten Schweden,
Beate Woltmann