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Thema: Lerne ein Leben lang

Rundbrief 3 aus Khartoum


silesio
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Seit etwa 5 Wochen bin ich hier bei Tochter und 2 Enkeln im Sudan



Einzelheiten
1) Weihnachtspaket Wie abseits und unbekannt die Millionenstadt Khartoum ist, zeigt auch folgender Vorfall: Gestern kam ein Weihnachtspaket, d. h. wir mussten es bei einer DHL-Stelle abholen. Es war erst versehentlich nach Sydney/Australien geschickt worden.
2) Voegel Von den Gefiederten gibt es hier eine ganze Menge. Auffällig viele Raubvögel, so in Falkengroesse. Auch Tauben, oft in einer Schrumpfform. Die fröhliche Schar der Spatzen findet reichlich Nahrung. Und was mich besonders freut: Rotkehlchen, allerdings mit grauer Brust, vielleicht eine sudanische Sonderform, das Graukehlchen.
3) Kleidung Ständig werde ich hier an Jesu Wort aus der Berpredigt erinnert: Sorget nicht, was ihr anziehen sollt. Die Kleiderfrage ist einfach: Jeans, T-Shirt, Sandalen oder im Hausbereich barfuss - nachts noch weniger. Die Fuesse sehen abends ziemlich dreckig aus, aber wer so pingelig kleinlich ist, der sollte zu Hause bleiben, mehrmals am Tage duschen und sich hinterher mit Sagrotan besprühen! Übrigens: Dreck reinigt den Magen, heisst es. Wie ich jetzt darauf komme, weiss ich nicht.
4) Gesundheit Wie geht es mir doch gut mit meinen 77 Jahren! Trotz oder wegen einfachster Speisefolge, deren Grundlage Pasta und Toast sind, viel Wasser und Fruchtsaft. Am Freitag, bei euch Fastentag, so war es jedenfalls in der guten alten Zeit, gibt es was Besseres, und zwar im Café Ozon. Nirgends an mir und in mir ein Wehwehchen. Ich fühle mich richtig gesund und koennte mich um mich selbst beneiden.
5) Eitelkeit Die Eitelkeit der Frauen, selbst die einer 6jaehrigen … ich höre sofort wieder auf. Es fehlt mir an Worten.
6) Noch einmal Frauen Darüber liessen sich dicke Bücher schreiben. Leider kann ich fast nichts dazu beitragen, denn - ich schaue nicht hin. 1) verbietet es Mohammed, 2) verbietet es die gute Sitte, 3) verbietet es deshalb mein Gewissen, und 4} lauert vielleicht ein eifersüchtiger Liebhaber um die Ecke, dem der Krummdolch locker im Gürtel steckt. Ich ahne bloss hinter manchem Schleier sehr grazile und graziöse Gestalten und kann mir vorstellen, dass manche der dunklen Augen eine verzehrende Glut ausstrahlen wuerden, wenn… wenn ich nicht a) Ausländer und b) Opa wäre.
7) Eil- und Sondermeldung. Eigentlich wollten wir den ganzen heutigen Feiertag im bzw. am Swimmingpool des Rotanaclubs verbringen, Sonne pur, angenehme 28 Grad Luft- und 23 Grad Wassertemperatur. Aber es kam anders. Heute ehelicht der Präsident des Tschad die Sekretärin unseres (hört, hört!) Präsidenten al Baschid. Der Bräutigam ist 60, die Braut 26. Aber vielleicht noch bemerkenswerter: Er hat fur sie 50 000 000 bezahlt, ich habe vor Aufregung nicht gefragt, ob Dollar oder sudanesische Pfund oder tschadische… ihr wisst schon. Nein, ihr wisst es auch nicht? Ich nenne sie also erst einmal tschadische tschadschas. Um 14 Uhr wurden wir höflich, aber unsanft vertrieben. So bahnten wir uns den Weg zur Strasse. Ich vorneweg in meinen verwaschenen Jeans und brasilianischen Arbeitgeberlatschen, einen Kinderwagen mit heftigem Linksdrall schiebend, beladen mit Netzen von Spielzeug und einem aufgeblasenen Gummiboot obenan, hinter mir Julia mit Ben, den wir roh aus dem Schlaf reissen mussten und der sich seine nackten Beine mit dickem blauen Filzstift beschmiert hatte, und neben ihr Isabella, wie immer nach der neuesten Mode gekleidet: Schreiend rot mit viel Glitzerzeug. In der Lobby durch dichte Scharen ehrfurchtgebietender Beduinen mit Fez oder Turban und weiten, weissen Nachthemden. Vor dem Hotel fuhren schwere, wahrscheinlich gepanzerte Gelaendewagen mit neuen Gästen auf und davor Massen von Polizisten und schwer bewaffnete Soldaten, wobei wir mit erstaunten, aber eher wohlwollenden Blicken gemustert wurden.
Sonne
Es ist leichter, in der Sonne zu leben. Das grelle Licht laesst die Konturen verschwimmen. Auch das Hässliche, das Widerspruchsvolle, das Empörende wird von der Ueberfuelle des Lichtes verschluckt oder mindestens gemildert. Dazu kommt ganz praktisch: Hier muss sich keiner gegen den Angriff der Kälte wehren. Wenn die Luft zu flimmern beginnt und das Blut traeger als sonst das Gehirn durchblutet, kann allerdings eines geschehen, was die alten Griechen schon erlebt und mythologisch zu deuten versucht haben. Um die Mittagszeit treibt der bocksfuessige, oft zu rauhen Scherzen aufgelegte Pan sein Unwesen. Er erscheinen merkwürdige und angsteinjagende Zwitterwesen, die ihren Schabernack mit den Menschen treiben, so schlimm, dass sie ein panischer Schrecken ueberfaellt. In den nordischen Ländern passiert dasselbe um Mitternacht. Da raschelt es, da knackt es, da spukt es. Werwölfe, Trolle und die ständig wachsende Zahl der boesen Geister ruecken immer naeher, so dass man nur davonrennen möchte, aber leider oft nicht kann.
In einer solchen Umgebung, ich komme noch einmal darauf zurueck, haben auch Mose, Jesus und Mohammed gelebt. Sie haben Tagträume gehabt, Stimmen gehoert, kühne Bilder gesehen, bisher unvorstellbare Gedanken gedacht, Aufträge bekommen, abseits von Zivilisation und Alltagsgeschaeften. Sie haben meditiert und diese Fähigkeit durch lange und systematische Übungen gesteigert. Irgendwo unter einem schattenspendenden Baum zu sitzen wurde ihnen wichtiger als Geld und Gut und selbst als das tägliche Brot. In der Stille und Einsamkeit lauschten sie auf die Stimmen von ringsherum, von innen und oben. Und wo wir gar nichts hoeren oder nur ein unentwirrbares Gebraus und Getöse, da formten sich fur sie klare Anweisungen und Trostworte, so stark und überzeugend, dass sie ihre Offenbarungen weiter geben mussten.
So etwas Ähnliches erlebe auch ich. Noch und wahrscheinlich fur immer bin ich zu geprägt, verbildet, entstellt von den alles versprechenden und so geschickt verpackten Angeboten der Konsumwelt. Selbst hier brauche ich noch Niveacreme und Rasierapparat und vor allem: Internet. Ich lausche nicht den überirdischen, sondern den elektronischen Stimmen, obwohl ich weiss, ja weiss, wie viel Lug und Trug dahintersteckt. Mundus decipiatur, die Welt will getäuscht werden. Lieber eine schoene Luege als eine ernüchternde Wahrheit.
Gut, noch bin ich kein Prophet oder gar Religionsstifter, will auch keiner werden. Sie hatten ohnehin alle erheblichen Ärger mit ihren Zeitgenossen. Und wenn wie wüssten, was ihre Anhänger in den folgenden Jahrhunderten aus ihrer Lehre gemacht haben, wuerden ihnen sicher die ungeschorenen und wohl auch ungekämmten Haare zu Berge stehen. Aber ich fühle mich ihnen naeher, ich ahne, wie es zu den Anfängen gekommen ist, die die Welt verändert haben, warum die drei grossen Weltreligionen im nahen Osten entstanden sind. Nicht, dass Gott hier naeher ist als anderswo, er ist Geist und überall, aber weil die Wüste das innere Gehoer schärft.
Christoph Khartoum 20.1.2011
(eingestellt am: 22.01.2012)

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3 Kommentare zum Beitrag

alma
23.01.2012 (17:37 Uhr) Sudan

Danke, für diesen Bericht. Ein neue, mir unbekannte Welt. Mit meinen 77 Jahren traue ich mir (kann ich auch nicht) diese Erschließung einer anderen Welt nicht zu.
Sie haben sicher viele damit beglückt. Weiter so, auf ein Neues.
Ihnen und Ihre Familie alles erdenklich Gute, alma


cbeate
23.01.2012 (10:24 Uhr) Wechsel der Welten

Hej hej, lieber Silesio,
vielen Dank für den intensiven, sinnlichen und farbenfrohen, persönlichen Bericht aus dem Sudan. Habe diesen mit großem Interesse und großen Augen und Staunen gelesen. Was sind das für wertvolle Erfahrungen. Vielen Dank, daß wir teilhaben dürfen.

God fortsättning!

cbeate


Lilli
22.01.2012 (14:50 Uhr) Sudan

Habe Ihren "Reisebericht" mit großem Interesse gelesen und lasse Ihre Gedanken in mir nachwirken. Wie Sie es gut beschreiben, leben Sie dort wirklich in einer "anderen Welt". Ich denke, diese Erfahrungen mit der anderen Kultur werden Sie nach Ihrer Rückkehr zuhause immer wieder beeinflussen. Um diese Erfahrungen beneide ich Sie.
Es grüßt herzlich Lilli


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